Gemeinschaftliches Bauen und Wohnen

„Neue“ Wohnbedürfnisse finden ihren besonderen Ausdruck unter anderem in der neuen Generation von Bau- und Wohngruppen, die sich derzeit vor allem in deutschen Städten zu einem eigenen Marktsegment entwickeln.

Baugruppen gelten als neue Form des selbstbestimmten Bauens und als Alternative zum institutionellen Wohnbau und zum Einfamilienhaus. Sie stellen Zweckgemeinschaften von Privatpersonen dar mit dem Ziel, individuellen und kostengünstigen Wohnraum mit unterschiedlichem Mehrwert (umweltfreundliche Bauweisen, Nutzungsmischung, Gemeinschaft) zu realisieren.  Selbstbestimmung der NutzerInnen und eine demokratisch strukturierte Beteiligung von zukünftigen BewohnerInnen am Entwicklungs- und Planungsprozess zählen zu zentralen Merkmalen von Baugruppenprojekten.

 

Im Rahmen des Projekts OpenLiving Plus wurden unter anderem beispielhafte Varianten für Wohnbaugruppen in verschiedenen Größen entwickelt. Darüber hinaus wurden vielfältige bereits gebaute Beispiele recherchiert und dokumentiert

Wohnbauszenarien OpenLiving Plus              Beispiele von Wohnbau-Gruppen

 

Der Anspruch an gemeinschaftliches Wohnen sowie an Beteiligung und Selbstorganisation durch NutzerInnen ist nicht neu. Darauf verweisen sowohl Traditionen des genossenschaftlichen Bauens und Wohnens, wie zum Beispiel in der Schweiz, als auch jene Wohngruppenprojekte, die aus den neuen sozialen Bewegungen der 1970er und 1980er Jahre hervorgegangen sind. Ein prominentes Beispiel dafür bilden die Atrium-Wohnhöfe, die zwischen den 1980er und 1990er Jahren errichtet wurden.

Die aktuelle Renaissance an Bau- und Wohngruppen vor allem in Deutschland wird auch durch das Interesse von Kommunen an dieser Wohnform sowie durch die Möglichkeit zu spezifischen Trägerschaften in Form von Genossenschaften unterstützt. Demgegenüber wird die Entwicklung von Bau- und Wohngruppeninitiativen in Österreich aufgrund einschränkender Rahmenbedingungen behindert (keine Genossenschaftsgründungen durch Baugruppen möglich, Eigentumsrecht sieht nur Einzeleigentum vor, fehlende Unterstützung durch gemeinnützige Wohnbauträger und durch Gemeinden). Bau- und Wohngruppen sind in Österreich mit Vorbehalten und Skepsis seitens gemeinnütziger Wohnbauträger und Gemeinden konfrontiert. Bisherige und vor allem langjährige Erfahrungen mit dem sozialen Mehrwert von Wohngruppeninitiativen (Beteiligung, Motivation, Gemeinschaftsangebote, Organisationsformen) werden noch nicht entsprechend wahrgenommen.

In Österreich sind Bau- und Wohngruppen – oder Baugemeinschaften, wie sie in Deutschland genannt werden, bislang nur in punktueller Form und überwiegend im urbanen Raum zu finden. Diesem Faktum liegen legistische und strukturelle Rahmenbedingungen zugrunde. Nach Aussage der Initiative „Gemeinsam Bauen Wohnen“ in Wien, der es ein Anliegen ist, auch in Österreich eine Bau- und Wohngruppenkultur wie in Berlin oder in Hamburg zu etablieren, liegt dies daran, dass „bei den Grundstücksvergaben ganz klar große Wohnbauträger bevorzugt (werden)“ . Baugruppen bräuchten demnach meist länger, um sich die Finanzierung zu sichern, und würden deshalb hinter den großen Gesellschaften hinterherhinken. Vorschläge, um dies in Hinkunft anders zu gestalten, gehen in Richtung Gewährleistung eines Vorkaufsrechts eines bestimmten Prozentsatzes zu vergebender öffentlicher Grundstücke für Baugruppen. Daneben müssten die Parzellierungen kleiner als bisher ausfallen, da meist ganze Blöcke verkauft würden. Ebenso müssten die Wohnbauförderbedingungen entsprechend angepasst werden, zumal derzeit bei Inanspruchnahme ein bestimmter Teil der Einheiten extern sozial vergeben werden muss, was dem Baugruppenprinzip zuwider laufe.